Unsere Tochter, 15, hat ihr Verhalten seit letztem Jahr verändert. Sie war noch nie ein Fan von der Schule, hat sich aber immer durchgeschlagen. Die Noten waren nicht immer die besten es bestand aber nie eine Versetztungs Gefährdung. Sie geht auf ein Gymnasium (sie hatte eine Empfehlung für Gymnasium und hat sich selber dafür entschieden). Letztes Jahr vor den Sommerferien wurden die Noten zum ersten mal auffällig, so das die Schule nach einem Gespräch gesucht hat. Wir konnten das Problem in den Griff bekommen und so ist sie wieder durchgekommen. Wir dachten das sie in den Sommerferien abschalten kann und im Herbst mit neuer Energie starten kann. Sie hatte zwar schöne Ferien gehabt, war viel mit Freunden unterwegs, auch mit uns im Urlaub, es hat ihr alles wirklich Spaß gemacht. Dann fing die Schule wieder an und alle Probleme waren wieder da, nichts hat sich geändert, sie hat immer mehr die Lust auf Schule verloren. Nun hat sie ziemlich schlechte Note in der Klausur gehabt, es gab ein Gespräch mit der Lehrerin und mir und es gab Lösungsvorschlag. Nur interessierte es meine Tochter nicht. Sie hat für die Klausuren immer auf den letzten Drücker gelernt, weil sie sich nicht motivieren konnte etwas für die Schule zu machen, hat danach schlechte Noten geschrieben und wurde noch unmotivierter. Sie fing an sich immer mehr zu verschließen. Sie war immer in ihrem Zimmer oder mit Freunden unterwegs. Sie möchte nicht das wir ihr Zimmer betreten, ist ihre Privatsphäre. Ihr Zimmer hat sie aber auch ziemlich vernachlässigt, Klamotten, Mülltonne ist voll, Geschirr und Snack. Wir können sie nicht dazu bringen aufzuräumen oder für die Schule zu lernen. Sie hat keine Aufgaben im Haushalt weil sie alles überfordert. Wir haben viel Verständnis gezeigt und ihr Freiraum gegeben. Sie hat angefangen die Schule zu verpassen. Mal zu spät aufgestanden und Bus verpasst, mal Kopfschmerzen, mal Bauchschmerzen mit Übelkeit. Nun haben die seit letztes Jahr Herbst, Schwimmunterricht. Damit hat sie sofort Problem gehabt und geschafft mit unterschiedlichen Mitteln nicht am Schwimmunterricht teilzunehmen. Es wurde immer schlimmer, sie hatte keine Freude mehr an den Sachen, die ihr früher Spaß gemacht haben (Ausflüge, Weihnachten, Weihnachtsmarkt, zusammen kochen oder backen, Spieleabend, Filmabend, zusammen mit dem Hund rauszugehen, Urlaub. Sie wird in ein paar Wochen 16 und möchte ihren Geburtstag nicht feiern, hat nur eine Einzige Sache als Geschenk gewünscht ansonsten nichts, möchte nicht Essen gehen und auch nicht abends als Familie besonderes Abendessen). Nach einem Gespräch mit ihr habe ich mich auf die Such nach einem Therapeuten gemacht, erst Wochen später haben wir einen Termin für Erstgespräch bekommen. Da hat sie selber viel Hoffnung rein gesetzt. Gespräch verlief gut (was sie mit Therapeutin besprochen hat, weiß ich nicht) aber das Gespräch zusammen war gut. Die Therapeutin hat gesagt das sie Anzeichen einer Depression hat und auf jeden Fall Bedarf bestehen würde. Normale Wartezeit wäre ein Jahr, bei meiner Tochter sieht sie aber Dringlichkeit und würde schon in 2 Monatan starten. Danach kam Wochenende und dann wieder die Schule und sie hat zum ersten Mal die Schule komplett verweigert, sie sagte sie schafft es nicht in die Schule zu gehen. Nach kurzem Gespräch mit der Therapeutin haben wir sie ärztlich für eine Woche krankschreiben lassen um den Druck zu nehmen. Die Therapeutin hat aber Vorgaben gemacht wie diese Woche ca. ablaufen sollte. Meine Tochter läuft wie ein Gespenst, man sieht sie kaum, sie redet nicht mit uns, nur wenn es was neutrales ist, wenn ich nicht aufpasse dann isst sie nichts. Sie hält sich nicht an die Vorgabe und macht auch nichts in ihrem Zimmer. Mir geht es langsam an die Substanz, ich verliere Appetit, habe oft ein Klos im Hals und würde am liebsten die ganze Zeit weinen, mein Magen ist ziemlich schwer, ich gehe mit Gedanken an sie schlafen und stehe mit Gedanken an sie auf. Ich hatte ein Gespräch in der Schule gehabt um die Situation aufzuklären, das Gespräch verlief sehr gut, Lehrer waren dankbar für das Gespräch und haben Druck rausgenommen. Das Gespräch fand ohne meine Tochter statt, damit ich offen reden konnte. Danach berichtete ich ihr von dem Gespräch und dem Ergebnis, sie war gar nicht begeistert, sie fand die Lehrer verlogen, das sie nicht mit ihr gesprochen haben bzw. ihr Druck gemacht haben und bei mir plötzlich so offen waren. Ich habe wirklich Angst wie es nach dieser Woche weiter gehen soll, ich komme an sie gar nicht mehr ran.
Hallo Ma_Rina,
schön, dass Sie den Weg hierher ins Elternforum der Onlineberatung gefunden haben. Mein Name ist bke -Lorenz Bauer, ich gehöre zu den Moderator*innen hier und heiße Sie im Namen unseres gesamten Teams herzlich willkommen. Sie beschreiben sehr nachvollziehbar, wie sich das Befinden und das Verhalten Ihrer Tochter im Laufe des letzten Jahres verändert hat. Ein stetiger Rückzug in Etappen bis dahin, dass Sie jetzt zuhause ist, nicht in die Schule geht und sich sehr passiv verhält. Wenn Kinder oder jugendliche Kinder nicht in die Schule gehen und sich den Eltern gegenüber verschließen, über ein entwicklungs-typisches Maß der Pubertät hinaus, löst das bei Eltern meist große Verunsicherung, Sorgen, nicht selten ein Gefühl von Ohnmacht aus. Ich glaube mir gut vorstellen zu können, wie sehr Sie das belastet und auch Einfluss auf Ihren Alltag und ihr sonstiges Leben hat. Sie schreiben ja sehr treffend von Appetitlosigkeit einem Kloß im Hals. Auch etwas von Verzweiflung.
Natürlich weiß ich nicht, was alles eine Rolle gespielt hat und spielt, dass Ihre Tochter in diese Situation geraten ist, in der sie sich vermutlich selber als hilflos erlebt. Bestimmt gibt es da für Sie als Eltern auch offenen Fragen, auf die es derzeit keine Antworten gibt. Das ist meistens so in solchen Krisensituationen, geht vielen Eltern wie Ihnen.
Wenn ich lese, was Sie bereits unternommen haben in diesem Jahr neben Ihrem grundsätzlichen "für sie da sein", also den Kontakt zur Schule bis hin zum Erstgespräch bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, kann ich nur sagen: Alles absolut richtig gemacht! Respekt!
Sie schreiben ja, die Therapeutin habe einen Verdacht auf eine Depression geäußert und eine therapeutische Unterstützung für notwendig erachtet. Und auch für die Woche, in der Ihre Tochter krank geschrieben war, eine Ansage gemacht, wie's in dieser Zeit zuhause laufen sollte. Ich gehe davon aus, Sie sind weiter mit der Therapeutin in Kontakt und können mit ihr das weitere Vorgehen besprechen. Es ist sehr gut und wichtig, dass Sie sich so gut um eine erste Anlaufstelle bzw. eine Ansprechpartnerin vom Fach gekümmert haben! Wie es nach dem Wochenende weitergehen wird, lässt sich im Voraus nicht sagen, das ist leider so, auch wenn's unerträglich sein mag. Vielleicht haben Sie mit Ihr ja auch schon besprochen, wie Sie sich gut für den Wochenbeginn wappnen und vorbereiten können.
Die Onlineberatung kann für Sie als unterstützende Begleitung da sein neben der unabdingbaren Hilfe vor Ort. Meines Erachtens ist die Therapeutin, die ja bereits Ihre Tochter und auch Sie kennt, eine gute Anlaufstelle, um weitere bzw. passende Hilfsmöglichkeiten auszuschöpfen. Falls Sie sich als Mutter bei unserer Onlineberatung einen vertieften Austausch mit einer Berater*in neben dem öffentlichen Forum hier wünschen oder vorstellen können, gäbe es die Möglichkeit, eine Einzel-/Mailberatung zu beginnen. Können Sie ja mal im Kopf behalten.
Abschließend möchte ich Ihnen noch ans Herz legen, bei aller Belastung und Verzweiflung, die Sie gerade erleben, an Ihrer Zuversicht festzuhalten und auch daran zu glauben, dass Menschen -Kinder, Jugendliche wie auch Erwachsene- per se nach einem zufriedenen Leben streben und fast immer auch nach Krisen und Talfahrten wieder dahin zurückfinden. Ich schreibe das im Sinne eines Leitmotivs für sie. Vielleicht können Sie ja etwas damit anfangen...
Konkret, liebe Marina, meine ich, Sie sollten sich auch aktiv um sich zu kümmern und bewusst Dinge machen, die Ihnen gut tun, für Sie vielleicht eine Tankstelle sein könnten, um weiter gut oder einigermaßen fit auf der Matte zu bleiben. Am besten gleich damit anfangen, und wenn's erstmal nur eine eine gemütliche Tasse Kaffee oder Tee mit der Zeitung sein sollte. Ich denke, das wäre in Ihrem wie auch im Sinne Ihrer Tochter, und vermutlich auch noch anderer Menschen in Ihrem Lebensumfeld! Hört sich leicht an, ich weiß. Und schreibe es dennoch, weil es sehr wichtig ist.
Viele Grüße und alles Gute,
bke-Lorenz Bauer